3. Oktober 2019

Die Brandenburger Schachjugend und der Vorsitzende des AfD – Kreisverbandes Barnim

Im September 2019 war auf der  Homepage des Landesschachbundes Brandenburg als auch auf der Seite der Schachjugend Brandenburg ohne weitere Einordnung oder Kommentierung folgender Artikel zu lesen:

„2. Internationales Emanuel Lasker Gedenkturnier

Am 7. September fand in Barlinek, dem Geburtsort Laskers, zum 2. Mal ein internationales Gedenkturnier mit 68 Spielern für den 2. Weltmeister statt. Hierzu begaben sich 3,5 Brandenburger Jugendspieler dorthin, um beim 9-rundigen Schnellschachturnier mitzuspielen. Uns vertraten Daniel Woithe, Aaron und Benjamin Matthes und Maximilian Mätzkow, welcher zwar mittlerweile seine Qualitäten in Kreuzberg testet, allerdings dennoch zu uns gehört, weil er sowohl noch passiv gemeldet ist als auch bei der DLM 2019 für Brandenburg spielt. Er wird in diesem Bericht ebenso Erwähnung finden.

Man erkannte schnell, dass die Organisatoren sich wirklich Gedanken über die Ausrichtung des Turniers machten. Nachdem zunächst pünktlich eröffnet wurde, begann man einige Ehrungen vorzunehmen. Hierbei wurde sogar teilweise von polnisch auf deutsch übersetzt, damit alle Teilnehmer die wichtigsten Informationen mitbekommen konnten. Bevor dann schließlich die erste Runde ausgelost wurde, gab es einen musikalischen Abschluss der Eröffnung, was selten vorkommt aber die Teilnehmer sichtlich begeisterte.

Nun allerdings zu den Formalitäten: Maximilian spielte ein anfangs ziemlich solides Turnier, indem er die ersten 2 Runden gewann. Danach begann er jedoch für seine Verhältnisse ungewöhnlich viele Punkte liegen zu lassen und holte somit in den nächsten 4 Runden 2 Punkte. Dennoch konnte er mit einem Endspurt mit 2 Siegen und einer Punkteteilung, gegen den Setzlistenplatz 3 (FM) in den letzten 3 Runden nochmal überzeugen. Er sicherte sich den 1. Platz in der Jugendwertung und den 6. Platz in der Gesamtwertung.

Benjamin spielte zunächst definitiv unter seinen Möglichkeiten, da er in den ersten 4 Runden lediglich 1,5 Punkte holte. Wahrscheinlich sparrte er sich seine Kräfte für einen sehr starken Endspurt, indem er in den letzten 5 Runden keine einzige Partie verlor und nur 2 halbe Punkte abgeben musste. Besonders gefiel ihm hierbei sein Sieg in der letzten Runde gegen seinen Bruder Aaron, welchen er mit einer recht schönen Taktik bezwang. Er beendete das Turnier auf dem 12. Platz der Gesamtwertung.

Daniel verfolgte zunächst das typische Schema, indem er gegen nominell Schwächere gewann und nominell Stärkere verlor. Diesen Trend hätte er beinahe auf spektakulärer Weise beenden können, da er gegen Setzlistenplatz 1 (IM) eine sehr ausgeglichene Stellung erspielte, allerdings verlor er durch immensen Zeitnachteil. So stand er nach 5 Runden bei 3 Punkten und beendete sehr solide mit 2,5 Punkte aus den letzten 4 Partien. Mit 5,5 Punkten holte er den 16. Platz in der Gesamtwertung und den 2. Platz in der Jugendwertung.

Last allerdings auch least spielte Aaron ein sehr gemischtes Turnier. Zunächst überzeugte er mit 4 Punkten aus 5 Partien, wobei die Niederlage vom Setzlistenplatz 3 (FM) verursacht wurde. Der psychologische Wendepunkt trat in der 6. Runde ein, wo er einen gewinnbringenden Vorteil gegen die Nummer 1 des Turniers (IM) vollkommen gegen die Wand fuhr und verlor. Der Rest war dann absehbar, somit holte Aaron in den letzten 4 Punkten nur einen Punkt. Er beendete das Turnier auf dem 22. Platz mit 5 Punkten, allerdings reichte diese Punktzahl noch für den 3. Platz in der Jugendwertung.

An dieser Stelle ist erwähnenswert, dass alle Jugendspieler Brandenburgs kein Startgeld bezahlen mussten, um an diesem Turnier teilnehmen zu können. Dies ist einem uns mittlerweile bekannten Sponsor zu verdanken: Es handelt sich natürlich um Tilo Weingardt und dem Förderverein Schach in Barnim e.V., welcher uns erneut finanziell unter die Arme griff. Allerdings übernahm der Förderverein nicht nur das Startgeld sondern erklärte sich bereit, beim nächsten Jugendtraining die Preise für das Blitzturnier zu stellen. Da dies nicht selbstverständlich ist, bedanke ich mich im Namen der Jugend bei Tilo Weingardt und dem Förderverein Schach in Barnim e.V.. Nicht zu vergessen ist hierbei Christian Mätzkow, der sich um die generelle Organisation und Koordination der Spieler kümmerte und diese auch hin und her fuhr. Er half wo er nur konnte, wofür ich mich ebenfalls bedanken möchte.

Zusammenfassend kann man von einem Turnier sprechen, welches gut organisiert und allen Teilnehmern Spaß gemacht hat. Vielleicht ergibt sich nächstes Jahr erneut die Möglichkeit eine brandenburgische Delegation nach Barlinek zu schicken, wenn dann im September 2020 das internationale Emanuel Lasker Gedenkturnier in die 3. Runde geht.

Aaron Matthes“

Ich kommentierte auf der Seite der Schachjugend“:

„Ein schöner Bericht über tolle Erfolge und ein schönes Turnier, was ich selber schon mitgespielt habe. Deutlich kritischer sehe ich die Lobeshymnen auf den Sponsor. Ich halte es für zumindest diskussionswürdig, Spenden von Tilo Weingardt anzunehmen, der im Jahr 2004 für die rechtskonservative Schill-Partei kandidierte und heute den Kreisverband Barnim der AfD leitet. Eine kritische Ausseinandersetzung scheint mir angebracht, ob die Schachjugend hier mit jemanden zusammen arbeiten sollte, der ggf. mit seiner Gesinnung weit im konservativen Lager steht.“

Die Landesjugendwartin Martina Sauer antwortete in einem Kommentar:

„Hallo René, vielen Dank für Deinen Kommentar auf den Bericht unseres Landesjugendsprechers. Aus unserer Sicht haben Politik oder irgendwelche andere Ansichten nichts mit der Ausübung unseres Sports zu tun. Die Gelder werden freiwillig gezahlt (daher heißt es ja auch Spende), ohne dass eine Gegenleistung erwartet wird. Sollen wir jetzt wirklich jedes Mal, wenn Spenden an uns herangetragen werden, nachfragen, welche politische Richtung vertreten wird? Da sagt auch unsere Jugend ein klares “Nein”! Sich bei einem Sponsoren zu bedanken, ist eine Selbstverständlichkeit und keine Lobeshymne. Gern können wir einen Förderverein “Jugendschach in Brandenburg” gründen, der sich um die Förderung des Jugendschachs kümmert. (Nur wer ist bereit, Verantwortung und die Arbeit dafür zu übernehmen?) Solange wir einen solchen nicht haben, werden Spenden jeder Art gern gesehen. LG Martina Sauer, Landesjugendwart“

Ich möchte dies nicht unkommentiert stehen lassen. Mir ist nicht bekannt, ob dies die offizielle Position des LSSB oder die private Meinung der Jugendwartin ist. Ich kann verstehen, dass Gelder im Schach knapp gesät sind, erst recht im Jugendschach Brandenburg. Ich halte es aber für fahrlässig, wenn man Spenden jeder Art gerne sieht. Es sollte ausdrücklich hinterfragt werden, woher eine Spende kommt! Ich habe die Jugend nicht gefragt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Brandenburger Schachjugend so unpolitisch ist und ein „klares Nein!“ sagt.  so Was ist, wenn morgen die NPD für die Schachjugend spendet? Ich denke, Politik und Sport kann man nicht trennen. Sport muss für die Jugend ein Vorbild sein und muss auch Verantwortung zeigen. Sport kann auch für Politik missbraucht werden. Für beide Seiten gibt es z.B. in der Geschichte der olympischen Spiele einige Beispiele.

Ich denke, man kann Spenden durchaus annehmen, wenn man sich mit ihnen kritisch auseinandersetzt. Über den Förderverein Schach in Barnim e.V findet man im Internet nichts. Ein Verein, der möglicherweise mit einem AfD-Politiker zusammen arbeitet, sollte transparent kommunizieren, woher seine Einnahmen kommen und wofür er seinerseits spendet. Sonst ist Mißtrauen angezeit!

Ein weiterer Kommentar zum Beitrag auf der Seite der Brandenburger Schachjugendvon Dave Möwisch:

„Liebe Martina,

mit der Aussage “Aus unserer Sicht haben Politik und Sport nichts zu tun” machst du es dir sehr einfach. In Zeiten, wo der Sport immer mehr von der Politik instrumentalisiert wird (siehe Olympische Spiele, Leichtathletik-WM und selbst der Schachsport), um fragliche Einstellungen zu verbreiten und zu unterstützen, sollte man unbedingt zwischen Sport und Politik trennen. Insbesondere, wenn es sich um eine Jugend-Sportorganisation wie die Brandenburgische Schachjugend handelt.
Aus meiner Sicht kann man gern solch eine Spende annehmen, besonders wenn die Schachjugend nicht mit viel Geld gesegnet ist. Das möchte ich dir auch nicht vorwerfen. Allerdings sollte man schon prüfen, von wem die Spende kommt und sich zumindest damit kritisch auseinandersetzen und mit den Jugendlichen darüber reden. Ich persönlich würde zu keinem Turnier fahren wollen, wenn die Fahrt dorthin von einem AFD-Politiker gesponsert wird. Vielleicht geht es ja einigen Jugendlichen ja ähnlich.
Ebenfalls finde ich dein “Wir” und “aus unserer Sicht” sehr kritisch. Hast du schon einmal mit den Jugendlichen darüber geredet? Teilen diese denn deine Meinung, dass man darüber nicht nachdenken sollte? Denn ich habe den Eindruck, dass viele Jugendliche in der Brandenburger Schachjugend schon politisch interessiert sind und sich mit der Thematik auseinandersetzten können.
Bitte verstehe diesen Kommentar nicht als reine Kritik, sondern denke einfach mal darüber nach, ob man vielleicht doch mal darüber reden sollte. Das würde ich mir zumindest wünschen.
Dave“

Die Landesjugendwartin Martina Sauer antwortet:

„Hallo Dave, ich habe den Kommentar erst einmal freigegeben. “Wir”, d. h. die Verantwortlichen, die diese Spende angenommen haben, werden uns gesondert äußern.
Wir haben keine “Schachjugend Brandenburg”, sondern sind einfache Mitglieder des LSBB. Das Präsidium des LSBB e. V. sieht auch kein Problem darin, dass die Spende vom Förderverein angenommen wurde.
Weitere Kommentare zu dieser Thematik sollten unter einem Bericht über ein Turnier, das für unseren Spieler erfolgreich verlaufen ist, einfach unterbleiben. Das ist kontraproduktiv und nimmt jede Freude, einen Artikel selbstständig einzureichen. Schon einmal darüber nachgedacht?“

Der Kommentar von Dave Möwisch ist mir sehr symphatisch, er ist sachlich und konstruktiv. Die Antwort darauf kann ich nur mißbilligen. Die Landesjugendwartin weicht dem Thema aus. Der Kommentar wird „erstmal freigeben“. Um später gelöscht zu werden? Das ist Zensur. Weitere Kommentare sollten vermieden werden. Wird die Diskussion zu unangenehm? Das das Präsidium des LSSB kein Problem mit Herkunft von Spenden hat, empfinde ich als schlimm. Es ist von „… sind nur einfache Mitglieder des LSSB“ die Rede. Der Jugendsprecher hat den Artikel geschrieben, die Landesjugendwartin ihn veröffenlicht. Beide Titel klingen nach Funktionen und Ämteren. Ehrenämtern, das ist mehr als löblich. Aber auch in Ehrenämtern, gerade in Ehrenämtern trägt man ebenso Verantwortung. Ich weiß nicht, wer sich mit „Wir“ demnächst äußern wird. Ich möchte aber von Radio Paradieso zitieren, das ich heute gehört habe:

„Dummheit ist ein gefährlicher Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, dass Böse.
(…) Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protest noch durch Gewalt lässt sich etwas ausrichten; (…) Daher ist in dumm gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen.“

Dietrich Bonhoeffer

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