16. August 2022

Olomouc Chess Summer 2022 – Stress am Sonntag

Das Schachkid spielt nur noch Tuniere mit einer Runde am Tag. Zwei Runden wie am heutigen Sonntag sind klar zu stressig. Lucky könnte sogar als frischgebackener Jungsenior, er ist 50 Jahre alt geworden, das Seniorenturnier mitspielen. Ganz neue Preischancen eröffnen sich. Das Schachkid und der Lucky schauen sich um und an und sind sich einig – das will man nicht. Nein, zwischen lauter weißhaarigen Senioren rumzusitzen, dass man glaubt, man springe gleich über die Klinge, das will man auf keinen Fall.

Die Freundin wird heute in den Zug nach Deutschland gesetzt, nach 13 Stunden kommt sie auch an. Ab jetzt ist Männerurlaub angesagt und Lucky kann den hübschen Tschechinnen nachspähen. Die Spielbedingungen sind nun ja durchwachsen. Am Samstag saß man noch dicht an dicht. Heute gibt es, da man leere Bretter weggeräumt hat, etwas mehr Platz. Das Seniorenopen sowie das GM-Turnier sind vorne im Saal mit kühler Luft und Licht. Das C-Turnier, was man spielt, steckt eher in einem abgeteilten Teil des Saales, wo man quasi im Halbdunklen sitzt und die schummrigen Umrisse der Figuren eher erahnt als sieht.

Das Schachkid hat jedenfalls überhaupt keine Lust und würde sich gerne ausruhen. Aklimatisieren, wie der dicke Doktor sagen würde. Jedenfalls sitzt da ein Mazedonier, der motiviert aussieht. Da kann man mal wieder sehen, das Universum ist stets um Ausgleich bemüht. Wo das Schachkid unmotiviert ist, ist der Gegner um so mehr im Saft.

Das Schachkid glaubt, eine gute Möglichkeit gefunden zu haben, die Vorstoßvariante im Caro-Kann zu  knacken. Das der Gegner plötzlich so einen starken Stützpunkt auf  d6 für den Springer bekommt, gehörte nicht zum Plan. Das Schachkid hat nun wirklich keine Lust, das jetzt stundenlang zu verteidigen und aklimatisiert sich lieber in der Hotelbar.

Der Lucky hat diesmal einen starken Spanier. Das Turnier ist wirklich sehr international besetzt. Er hält auch lange bzw. blitzt lange mit. Aber irgendwie wird es dann doch nix und Lucky kassiert die erste Niederlage.

Das Schachkid hat Hunger und sehnt sich nach einem Bier. In Tschechien schmeckt das Bier am besten. Selbst die Tschechen trinken schon Bieer zum Frühstück. Erfreulicherweise findet sich unweit des Hotels gleich gegenüber dem Gefängnis, mitten in der Stadt fast neben dem Hotel ist wirklich ein Gefängnis, eine urige Kneipe, wie man sie sich vorstellt. Holztische, Knödel und eine flotte Bedienung. Personalmangel in der Gastronomie scheint in Tschechien kein Thema zu sein.

Es ist so warm, man muss dreimal am Tag duschen. 15.00 Uhr, der Zimmerservice war immer noch nicht da. Das Schachkid liegt von der Hitze völlig erschöpft und geduscht und im Adamskostüm auf dem Bett und macht ein Schläfchen. Gerade dann muss es natürlich an der Tür klopfen. Das Schachkid schafft es gerade noch, sich was überzuwerfen. Vor der Tür stehen, bewaffnet mit diversen Wagen und Putzutensilien drei Damen und ein Herr, die offensichtlich das Zimmer auseinander nehmen wollen.

In der dritten Runde wartet nun ein dicker 15jähriger Malteser mit dem schönen Vornamen Ocean. Das war dann aber auch das schöne an ihm. Ständig rutscht ihm sein T-Shirt hoch und er zeigt seinen dicken behaarten Bauch. Immerhin sitzt er nicht mit komplett aufgeknöpften Hemd da wie der Senor zwei Bretter weiter. Zudem trinkt er wie ein Berserker aus seiner Plasteflasche, krault sich das Gemächt, rülpst und gähnt lautstark. Das Schachkid fühlt sich an Al Bundy erinnert. Zur Strafe gewinnt das Schachkid zwei Bauern und spielt ein fantastisches Endspiel. Der zweite Malteser am Nebenbrett in den 20zigern schmeißt schon eher die  Partieformulare hin, als er gegen die Ukrainerin verliert, schnaubt kräftig durch die Nase, schmeisst die  Figuren hin und rauscht ab. Offenbar ein emotionales Volk, die Malteser.

Lucky spielt gegen einen Iraker. Wer hätte das Gedacht, dass man im Irak Schach spielt. Russen sind übrigens keine da. Früher vor dem Angriff in der Ukraine spielten tatsächlich viele Russen die Turniere in Tschechien mit. Aber, wie das Schachkid aus der Zeitung erfährt, stellen Polen und auch Tschechien keine Visa mehr für Russen aus. Direkte Flug- und Bahnverbindungen gibt es sowieso nicht mehr. Eine schwierige Diskussion, ob es richtig ist, ein ganzes Volk zu sanktionieren, wenn der regierende Diktator einen Krieg anfängt. Was macht ein russischer Schach spielender Jugendlicher nun, der in so ein Land geboren wird? So geächtet müssen wohl auch die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg gewesen sein.

Lucky blitzt schon wieder, diesmal gewinnt er aber klar. Damit ist er wieder im Rennen. 5 Punkte sind sein Ziel. Knödel und zwei Bier im urigen Restaurant, kommende Woche müssen vermutlich neue Hosen gekauft werden.

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