4. April 2026

Altenburg ist das neue Grenke

Lange nichts mehr gelesen auf diesen Schachblog. Höchste Zeit, mal wieder einen Turnierbericht zu schreiben. Einige Punktspiele hat das Schachkid im Januar, Februar und März absolviert. Es war auch bei der DSAM in Hannover und in Travemünde. Aber zu Ostern wird wieder angefangen zu bloggen.

Die letzten beiden Jahre war der Schachkid in Karlsruhe beim Grenke-Open.  Ja, das Schachkid hat da eine geteilte Meinung. Das war natürlich toll, diese ganze Stimmung zu spüren, diesen Event zu erleben, die ganzen Stars zu sehen. Aber zur Wahrheit gehört eben auch: Es war ultra voll. Die Leute treten sich tot. Jede Runde ging eine Stunde zu spät los. Kurz? Es war nichts. Die Turnieratmosphäre war laut. Man hatte wenig Platz zum Spielen.

Höchste Zeit, dieses Jahr mal etwas Neues zu Ostern auszutesten. Eigentlich ist der dicke Doktor  schuld, dass das Schachkid in diesem Jahr in Altenburg sitzt. Denn der dicke Doktor wollte nicht den Wildauer Dahmelandpokal letztes Jahr im Oktober spielen, sondern unbedingt nach Gera zum Albrecht-Beer-Gedenkturnier fahren.

Also fuhr das Schachkid mit und wie es sich begab, spielte das Schachkid gegen die Anke Kohl, ihres Zeichens langjährige Jugendwartin des Schachbezirks Ost in Thüringen. Und sie sagte auch gleich: „Ja, komm doch mal nach Ostern nach Altenburg, da machen wir das erste Mal die Altenburger Schachttage. Wir wollen da etwas ganz Neues aufbauen, spielt doch mal mit“. Gesagt, getan und prompt ist das Schachkid in Altenburg.

Wo es nicht nur eine Destillerie mit Schnaps und Kräuterlikör gibt, sondern wo auch das Skatspiel erfunden worden ist. Aber  zuerst hat der liebe Gott erstmal das Reisen gesetzt. Das Schachkid hat sich ein Hotel gesucht und zwar mit KI. Naja, die KI weiß zwar einiges, aber was die Hotelauswahl angeht, ist die KI wohl doch nicht so taff wie man denkt.

Das Hotel war schon zu DDR-Zeiten ein solches und liegt irgendwo zwischen gemütlicher Bürgerlichkeit und ehemaligen sozialistischen Charme. Das Blöde ist, das Komfortzimmer, was das Schachkid gebucht hat, liegt zur Straße raus. Es ist laut, die Fenster sind nicht gedämmt und man hört jedes Auto, als fährt es direkt durch das Hotelzimmer durch.

Schlafen naja geht so. Das Schachkid versucht probehalber, mal das Zimmer zu tauschen und bekommt auch ein neues Zimmer. Was nun direkt über die italienischen Restaurant ist, was das Hotel beherbergt, Straßenlärm gegen Musik. Das ist die Frage. Das Schachkid entscheidet sich für den Straßenlärm und hat am nächsten Morgen überraschender Weise gut geschlafen.

Was die KI leider auch nicht berücksichtigt hat ist, dass das Hotel ungefähr 1,2 km vom Spielsaal entfernt ist. Was nicht schlimm wäre. Wenn die Stadt nicht sehr hügelig wäre. In einen Anfall von Wahnsinn beschließt das Schachkid, die Entfernung zwischen Hotel und Turniersaal zu Fuß zurückzulegen. 10.000 Schritte am Abend und Muskelkater in den Waden sind die Folge, aber immerhin.

Das Schach trifft am Spiellokal ein und beschwert sich freundlich beim Schiri. Dass diese Stadt doch sehr hügelig ist. Kommentare des Schiri: Ja, in Altenburg findet man die letzten Ausläufer des Erzgebirges? Deswegen ist die Stadt halt auch so hügelig und ziemlich schlecht zum Fahrradfahren. Als Neubrandenburger und Exthüringer ist das Schachkid offenbar keine Hügel mehr gewöhnt.

Das Turnier geht im Gegensatz zu Grenke superpünktlich los. Der Chef des Meuselwitzer Vereins (das Schachkid hat leider den Namen nicht parat) und Ideengeber dieses Turnieres wird, völlig zu recht, vom Kreissportbund für sein schachliches Engagement geehrt. 70 Teilnehmer probieren die erste Auflage der Altenburger Schachtage aus. Der Schiri erteilt ein Redeverbot für den Spielsaal. Und ist es dann selbst, der am Schiritisch am meisten quasselt. Die Stimmung erinnert stark an das Briesener Schachopen, das es ja leider nicht mehr gibt. Rustikal, gemütlich und amateurhaft mit Charme. Wieder ein Punkt für Altenburg gegenüber Grenke.

Wer ist der Gegner des Schachkids? Es gibt im Turnier genau zwei Titelträger und natürlich bekommt das Schachkid einen davon. Ein CM vom Typ Althippie ist es, der sich mit der Eröffnung schwer tut. Das Schachkid hat das Gefühl, dass die Stellung nach 14 Zügen  nicht optimal ist und dass das Schachkid auf beiden Flügeln langsam zusammengeschoben wird. Da kann man die Zeit auch besser investieren, zum Beispiel in einen Spaziergang. Der CM ist sehr nett und will noch analysieren, aber das Schachkid will los und die Stadt sehen.

Das Schachkid hat sich einen KI-Schachcoach gebastelt, der das Schachkid durch ein Turnier bringen soll.  Was meint der Coach dazu:

Rene, ich muss hier den „ehrlich-direkten Kumpel-Modus“ einschalten: Was war das denn?

Ich verstehe, dass Johannes Sondermann (2004 Elo) ein starker Brocken ist, aber nach 14 Zügen die Segel zu streichen, ist bei dieser Stellung – gelinde gesagt – viel zu früh. Ein Stadtspaziergang in Altenburg ist schön, aber ein Punkt im Turnier ist schöner!

🔍 Die Analyse: War es wirklich verloren?

Die Engine (und jeder Schachtrainer) würde hier laut aufschreien. Die Bewertung liegt bei ca. +0.8 bis +1.1. Das heißt: Weiß steht angenehmer, ja, aber von „zusammengeschoben werden“ kann bei weitem keine Rede sein.

Die Stellung nach 14. 0-0:

  • Deine Struktur: Du hast eine solide Caro-Kann-Struktur. Dein Läufer auf g6 ist zwar durch g4 eingeschränkt, aber er stabilisiert deinen Königsflügel.

  • Dein Plan: Du hättest einfach 14… Na5 (greift die Dame an) oder 14… a6 spielen können, um den Springer b3/c5 vorzubereiten.

  • Das Problem des Gegners: Weiß hat mit g4 seinen eigenen König etwas entblößt. Wenn du dich konsolidierst, kann das im Endspiel (deiner Stärke!) ein echtes Problem für ihn werden.

Warum hast du aufgegeben? Es wirkt, als hättest du zu viel Respekt vor der Zahl (2004) gehabt. Im Fernschach (CCM) würdest du diese Stellung stundenlang kneten und wahrscheinlich Remis halten. Am Brett hast du dich mental selbst geschlagen, bevor der Gegner es tun konnte.

Für die nächste Runde hat die KI auch gleich Tipps parat und erteilt Hausaufgaben:

Vergiss den Spaziergang nicht als Erholung, aber nutze ihn jetzt, um den Kampfgeist zurückzuholen.

  1. Tabula Rasa: Die erste Runde ist abgehakt. Du hast physisch null Energie verbraucht – das ist dein Vorteil für heute Nachmittag! Während andere 4 Stunden gekämpft haben, bist du frisch.

  2. Die „Aufgabe-Sperre“: Versprich mir (und dir selbst), dass du in Runde 2 nicht aufgibst, solange noch Material auf dem Brett ist oder die Stellung nicht mindestens -5.0 (laut Gefühl) ist. Du bist CCM! Du kannst leiden und verteidigen.

  3. Gegner-Check: In Runde 2 bekommst du jetzt jemanden, der ebenfalls 0 Punkte hat. Da bist du der Favorit oder zumindest auf Augenhöhe. Da wird nicht spaziert, da wird gepunktet!

Dein Ziel für 15:30 Uhr: Spiel dein System. Setz dich hin, atme tief durch und zeig dem Gegner, dass du 100 Züge lang Beton anrühren kannst, wenn es sein muss.

Das Schachkid geht spazieren und versucht, sich die Stadt anzugucken. Das Schachkid hat sich einen Guide runtergeladen und macht gerade eine Tour „Das jüdische Leben in Altenburg“. Komischerweise wie immer jedes Jahr zu Ostern, immer wenn der Schachkid zu einem Turnier fährt und und sich was angucken will, regnet es.  Also läuft der Schachkid durch den Regen und hört der Führung zu. Und kommt, wie es der Zufall so will, an einen historischen Friseursalon vorbei. Das Schachkid geht und klopft. Und siehe da, die Tür geht auf.

Das Schachkid bekommt eine Individualführung durch einen Herrensalon und ein Damensalon, wie es vor 100 Jahren aussah. Offenbar gibt es in Altenburg eine Verein, der sich um genau solche historischen Dinge kümmert, was sehr empfehlenswert ist. Das Schachkid bekommt erklärt: Wenn eine Frau vor 100 Jahren eine Dauerwelle haben wollte, bekam sie Lockenwickler, die mit Strom beheizt worden sind. Das Haar wurde 120 Grad heiß. Tolle Sache, sowas hat das Schachkid noch nicht gesehen.

Punkt für Grenke ist die gastronomische Versorgung. Gegenüber Karlsruhe ist Altenburg eine Kleinstadt, wenn auch Kreisstadt. Nix hat zum Mittag auf, Karfreitag hin oder her. Gott sei Dank ist auf die Araber und ihre Dönerbuden, die auch im hiesigen Stadtzentrum eine erstaunliche Dichte haben, Verlass.

Und wurde gepunktet? Natürlich nicht.

Diesmal ein motivierter Jugendlicher vom  SV Meuselwitz, dem heimischen Verein. Das Schachkid spekuliert auf Remis. Der Jugendliche möchte sich gerne aufwärmen und zwar für die Landesmeisterschaft der Jugend in Thüringen, die nächstes Wochenende stattfindet. Also zieht sich die Partie 80 Züge und dreieinhalb Stunden. Das Schachkid hat für 19 Uhr einen Tisch beim Italiener reserviert und kommt erst um 19:30 Uhr weg.

Gott sei Dank ist der Tisch noch frei. Bewundernswert ist, wie sehr der Jugendliche geduldig manövriert hat und versucht, auf Sieg zu spielen. Und der Erfolg gibt ihm auch recht. Schlussendlich macht das Schachkind ein, zwei Fehler und schwupps ist das Endspiel und somit auch die Partie weg.

Der KI-Coach zeigt sich nun zufrieden:

Rene, jetzt müssen wir mal ganz kurz den Stuhl zurückschieben und tief durchatmen.

Zuerst das Wichtigste: Diese Partie war eine ganz andere Hausnummer als die erste! Du hast 79 Züge lang gekämpft. Das ist kein Vergleich zum 14-Züger am Vormittag. Du hast dich reingehängt, du hast gelitten, und du hast eine extrem komplexe, geschlossene Stellung (Symmetrisches Englisch) über Stunden hinweg manövriert.

🔍 Analyse: Kellner – Sniegowski (0-1)

Die gute Nachricht: Dein Englisch-Repertoire stand wie eine Eins. Nach 15 Zügen war die Stellung völlig ausgeglichen.

  • Der kritische Moment: Du hast den Hebel g4/fxg4 am Königsflügel zugelassen. Richard Sniegowski (1918 Elo – also wieder ein Gegner, der fast 300 Punkte über dir steht!) hat das sehr geduldig gespielt.

  • Das Turmendspiel: Ab Zug 60 wurde es wild. Du hast mutig mit den Freibauern am Königsflügel (h5/g5) gespielt. Das war absolut die richtige Entscheidung, um Gewinnchancen zu suchen.

  • Die Entscheidung (Zug 79): Hier hast du aufgegeben, weil der schwarze c-Bauer läuft und dein König den d-Bauern nicht halten kann, ohne den Schutz gegen die schwarzen Drohungen aufzugeben. Diese Aufgabe war völlig berechtigt. Hier gab es kein Entrinnen mehr.


🧠 Mental-Check: Was ist los?

Du sagst „Schlechte Nachricht, ich habe auch die 2. Runde aufgegeben“. Aber halt!

  1. Runde 1: War eine mentale Kapitulation vor der Zahl des Gegners.

  2. Runde 2: War eine echte, sportliche Niederlage nach einem harten Kampf gegen einen fast 2000er.

Das Problem: Du hast jetzt 0/2 Punkte (real) bzw. 1/3 (mit dem Freilos, falls das so gezählt wird) gegen einen Eloschnitt von ca. 1960 gespielt. Dass man da mit 0 Punkten rausgeht, ist statistisch fast normal!

Aber: Dein Selbstvertrauen scheint gerade im Keller zu sein. Du siehst dich selbst als „Punkte-Lieferant“, dabei hast du in Runde 2 gezeigt, dass du einen 1900er über 70 Züge an den Rand der Verzweiflung bringen kannst.

Trotzdem ist der Schachkid mit dem Tag zufrieden. 0 Punkte, aber eine  ausgekämpftem Partie und ein bisschen Kultur in Altenburg gemacht. Das kann sich sehen lassen.

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