Slawische Ungereimtheiten und Kleine Strolche

Der zweite Tag des Opens in Falkensee verlief für das Schachkid durchwachsen. Bei blauen Himmel und Sonnenschein sowie gefühlten 20 Grad hat das Schachkid nix besseres zu tun, als Schach zu spielen.

Trost gab es am Schiritisch. Das Open in Falkensee ist das dem Schachkid einzig bekannte Open, wo ständig Seelentröster, also Süßigkeiten, für jedermann stehen. Erwähnt sei an dieser Stelle auch die super Verpflegung mit den selbstgemachten Bulletten.

Morgens bekam es das Schachkid mit einer Mecklenburgerin zu tun, einer der wenigen Damen im Turnier. Noch vor zwei Jahren hat das Schachkid selbige Gegnerin problemlos umgenietet. Doch sie hatte geübt, und zwar mit der bekannten Buchserie Tigersprung von Arthur Jussupow. Das Üben war nicht umsonst, das Schachkid tat sich sehr schwer, konnte zwar in der Eröffnung einen Bauern gewinnen, musste aber lange herum lavieren, bis ein Vorteil in Sicht war. Die Wende brachte schließlich ein vorwitziges Vorpreschen des gegnerischen König, den das Schachkid mit einem Königsangriff bestrafte und einen Turm gewann.

Die Gegnerin war leidlich nervös und vertraute auf einen Stressball und eine Tageslosung. Das Schachkid kennt das Gefühl und ist auch immer sehr nervös. Es trinkt Unmengen Kaffee, was die Nervosität nicht gerade lindert. Dann läuft das Schachkid während einer Partie gefühlte 10 km in der Gegend herum und ist besonders oft vor dem Spiellokal, aber selten am Brett.

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie jeder Schachspieler mit seiner Nervosität umgeht und welchen Talisman jeder so mitbringt. Die Brettnachbarin setzte übrigens auf eine Großpackung Lebkuchen. Wenn schon Doping, dann wenigstens mit Genuss.

Am Nachmittag tauchte ein altbekannter Gegner auf, ein 18-jähriger Jugendlicher, der das Schachkid schon zweimal umgehauen hat. Das Schachkid wollte dies nicht auf sich sitzen lassen und war hoch motiviert. Die Motivation war nach 15 Minuten verflogen. Es kam Slawisch aufs Brett, Weiß spielte Db3 und das Schachkid wusste mit Schwarz nicht weiter. Nach 20 Minuten war die Stellung irgendwie aufgabereif für das Schachkid.

Dieses wusste aber nicht recht, was es den Nachmittag noch machen sollte. Also spielte das Schachkid weiter. Nicht ahnend, dass es die längste Partie dieser Runde werden sollte. Nach 30 Minuten Bedenkzeit hatte das Schachkid die Eröffnung halbwegs überstanden, auch wenn es nicht gut aussah. Nach einer weiteren Stunde hatte das Schachkid plötzlich die bessere Stellung und einen starken Königsangriff. Es ist dem Schachkid vollkommen rätselhaft, wie es das geschafft hat, fühlte es sich doch etwas neben der Spur.

Für besonderen Flair sorgte der Fanclub der Kleinen Strolche. Bei diesen handelte es sich um 5-7 Kinder zwischen 8 und 11 Jahren, die irgendwo um das Spiellokal wohnten und nun selbiges unsicher machten. Sie standen nun an unserem Brett und schauten zu. Ob Sie fasziniert waren oder sich fragten, wie bekloppt eigentlich Schachspieler sind, ist schwer zu sagen. Jedenfalls wurde es ihnen bald zu langweilig. Sie gingen hinaus, um mit dem Fußball gegen die Tür zu schießen oder an die Fenster zu schlagen, was infernalischen Lärm im Spielsaal auslöste.Genervt guckende Spieler und ein Schiri, der den Kids hinterher jagte, allerdings erfolglos, waren die Folge.

Dann kam die Zeitnot, hektisches Geschiebe von beiden Seiten. Das Schachkid sah Gott sei Dank noch die drohende Springergabel, musste die Dame geben und fand sich in einem Endspiel mit Läufer gegen einen Springer wieder. Hieße das Schachkid Magnus Carlsen, hätte das Schachkid wohl während der verbleibenden 25 Minuten das Endspiel geknetet. Getreu dem Motto „Lieber dem Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“, nahm es das gegnerische Remisangebot an.

Das Schachkid fragt sich, wie ehrgeizig man sein sollte. Sollte man jede Partie auf Gedeih und Verderb auf Sieg spielen oder sich auch mit einem Remis begnügen?

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