Schachtiger und Schachkid beim 21. Emanuel Lasker Turnier in Thyrow

Das Schachkid begab sich am 21. Juni 2015 nach Thyrow. Zum 21. Mal findet hier das Emanuel Lasker Turnier statt, in einer wunderbar ausgebauten Scheune. Man ist vor der Metropole Berlin und schaut trotzdem nur auf endlose wunderschöne Weizenfelder.

Der kleine Schachtiger ist mitgekommen, die Tigermama auch. Das Feld ist bunt gemischt. Die Berliner fallen wie üblich mit guten Spielern ein, wobei diesmal die Titelträger fehlen. Vermutlich sind die Preisgelder nicht hoch genug. Das Startgeld beträgt moderate 5 Euro. Gut so, findet das Schachkid. Muss sonst wirklich das Startgeld bei einem Schnellschachturnier bei 15 bis 20 € liegen, nur um drei Titelträgern exorbitante Preisgelder zu ermöglichen?

Die Tigermama meint, ihr sei aufgefallen, dass die Anreisen des Schachkids immer so chaotisch seien. Nichts leichter als das. Das Schachkid schweigt, dreht kurz vor dem Spiellokal um und fährt die gleiche Strecke 5 km zurück. Ein Geldautomat wird gesucht, das Schachkid ist blank und kann sich sonst das Startgeld nicht leisten.

Schachspieler früh am Morgen lechzen nach Kaffee. Einer steht da mit einer Tasse Kaffee und Untertasse. Fragt ein anderer: „Wo hast den her?“ Sagt der andere: „Icke habe immer eene Tasse und Untertasse bei.“

Christian Syre wartete am 3. Brett in der ersten Runde, die Nummer 3 der Setzliste. Da schnupperte das Schachkid gleich mal Höhenluft. Zu hoch für das Schachkid. Wie sagt der Trainer immer, man muss den Gegner positionell überspielen, was der Gegner auch ganz schnell tat. Und dass sehr beeindruckend. Der Schachtiger hält wesentlich länger als das Schachkid durch, verliert dann aber auch.

Am Brett nebenan saß ein schachspielender Rocker, ein Widerspruch an sich. Spruch vorne auf dem T-Shirt: „Ich bin immer artig.“ Auf der Rückseite: „Abartig, bösartig, einzigartig!“ Das Schachkid findet den Typen Klasse.

Frank Stemmler wurde es in der zweiten Runde. Das Schachkid ist nominell deutlich stärker, aber auch nur da. Das Schachkid verliert gleich die Qualität und gewinnt sie zurück. Der Gegner übersieht gefühlt 10 Möglichkeiten zu gewinnen. Das Schachkid gewinnt nun eine Leichtfigur, verliert aber trotzdem. So langsam stellt sich das Gefühl ein, dass das ein ganz schwieriges Turnier werden könnte. Überleben heißt das Ziel.

Das Schachkid ist nun fast am letzten Brett angekommen und spielt gegen Alexander Ivanov, einen kleinen Schachschüler des Potsdamer Urgesteins Stern. Der Kleine spielt passabel und knallt mit Begeisterung die Figuren aus Brett. Hilft nix, diesmal kommt der Punkt. Der kleine Schachtiger am Nebenbrett spielt die skandinavische Eröffnung. Muss er wohl in Briesen gelernt haben. Aber die Dame ist weg. Na, es kommen noch 6 Runden.

Ahhh Mama Röhr, diese liegt dem Schachkid. Jedenfalls hat das Schachkid noch nicht gegen Mama Röhr verloren. Es gelingt sogar eine fehlerfreie Partie. Der kleine Schachtiger bekommt es laufend mit Senioren zu tun. Auf der f-Linie baut der kleine Schachtiger eine beeindruckende Turmbatterie auf, kommt dann aber doch betrübt auf den Hof geschlichen.

5. Runde, das Schachkid ist ans 15. Brett vorgerückt, lässt hier gleich den Turm stehen und beschließt, sich lieber der nun nährenden Hähnchenkeule zu widmen. Lange Schlange am Tresen, fast wie in der Firmenkantine. Die mütterliche Chefin wirbt mit selbstgebackenen Kirschkuchen. Das Schachkid, auf Kuchen konditioniert, spurtet umgehend zum Tresen. Der Kirschkuchen ist in Zucker ertränkt und eine Gefahr für die Allgemeinheit. Das Schachkid wünscht sich Thüringer Schmandkuchen herbei.

Das Ziel des Turnieres sind 4,5 Punkte. Der halbe Punkt muss daher irgendwann gemacht werden, und zwar jetzt. In der sechsten Runde. Der Senior hat ein Dauerschach, aber nur noch eine Minute auf der Uhr. Das Schachkid könnte ihn über die Zeit drücken, aber sowas macht das Schachkid nicht. Es ist ein netter Senior. Bei einem fiesen Senior hätte sich das Schachkid überlegt.

Der Schachtiger hat einen Lauf und macht den zweiten Punkt in Folge. Die Partie scheint emotional zu sein. Eine Traube Erwachsener steht um das Brett herum und analysiert sogleich wild diskutierend nach Partieende.

Zeit, eine Lanze für die Körperbedeckung zu brechen. Das Schachkid will nicht die ganze 7. Runde die Arschritze des verlotterten Endfünfzigers am ersten Brett sehen. Auch der Bierbach des anderen Fünfzigjährigen, der mit Jogginghose und viel zu kurzen T-Shirt ankommt, ist kein schöner Anblick. Junge Mädchen können Bauchfrei tragen, alte Männer definitiv nicht. Ob dieser optischen Schrecken hat das Schachkid glatt gegen den schwächeren Johannes Matitschka verloren.

Der Schachtiger spielt in der siebten Runde gegen Susanne Röhr. Er kämpft und kämpft und kämpft. Aber irgendwie geht die Dame verlustig. Macht nix. Was das Schachkid kann, kann der kleine Schachtiger auch und setzt 10 Sekunden vor Blättchenfall Susanne Röhr matt. Netter Nebeneffekt, der Schachtiger hat nun einem halben Punkt mehr als das Schachkid und liegt vor diesem.

Gegen den Schachfreund Paris geht es in der achten Runde. Da will das Schachkid mal hin nach Paris. In die Stadt, nicht in den Schachfreund. Gegen den hat das Schachkid voriges Jahr gewonnen, stellt dieses Jahr aber die Dame hin.

Der kleine Schachtiger hat sich derweil warm gespielt und remisiert gegen einen bärtigen Jugendlichen, der durch den Bart wie 40 aussieht. Coolness geht anders.

Die Runde beginnt. Jeder macht die ersten Züge. „Stop!“ brüllt der Schiri. Jetzt muss was wichtiges kommen, denkt das Schachkid. „Die Bretter sind freigegeben.“ tönt der Schiri. Das Schachkid sagt nix und kommentiert die Situation mit hochgezogen Augenbraue.

Niedlich ist der fünfjährige Knirps, der begeistert Schach spielt. Nicht so niedlich ist der Vater, der in jeder Runde krampfhaft mit dem Klemmbrett daneben steht und jede Partie mitschreibt und argwöhnisch Richtung Gegner schaut.

Das Schachkid gewinnt unverdient. Der Senior steht wesentlich besser, lässt aber einen Turm stehen. Auch mit 85-jähriger Lebenserfahrung kann man da noch sehr empört reagieren.

Der kleine Schachtiger hat es nun mit einem ehrgeizigen Gegner zu tun. Positionell steht der Schachtiger schlecht. Die Bauernstruktur macht Sorgen. Und sorrgt auch für den Punktverlust.

Mit diesem Turnier ist das Schachkid unzufrieden. Zweimal den Turm und einmal die Dame stehen lassen. Das Schachkid merkt, dass es dringend Urlaub benötigt. Der Schachtiger hat derweil ein sehr gutes Turnier gespielt und ist sicherlich mit seinen 3,5 Punkten, bei wesentlich stärkeren Gegner sehr zufrieden. Er liegt gleichauf dem Schachkid, ein Novum in der Briesener Schachgeschichte. Und der 3. Platz in der U14-Wertung springt auch noch raus.

Die fidelen Thyrower müssen eine fleißige Hausfrau als Sponsor haben. Es gibt Waschlappen und Handtücher als Preise Vermultlich wollen diese nicht als subtiler Hinweis auf ungewaschene Schachspieler verstanden werden.

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