Quo Vadis Schachvereine?

Das Vereinssterben ist ein Phänomen, was im Schachsport erschreckend um sich greift. Das Schachkid ist in den 90er Jahren aufgewachsen. In Thüringen gab es viele kleine Schachvereine. Dies hatte sicherlich historische Gründe. Möglicherweise war in der ehemaligen DDR das Vereinsleben sehr ausgeprägt. Man konnte nicht weg und schuf sich eine kleine Heimat.

Viele dieser kleinen Vereine retteten sich über die Wende, und nun begann die unterschiedliche Entwicklung der Schachvereine. Einige begannen, Nachwuchsarbeit zu leisten und entwickelten sich zu Zentren des Schachsports. Viele Vereine machten jedoch keine Nachwuchsarbeit. Mitglieder starben oder zogen um. Schließlich lösten sich viele Vereine in Südthüringen auf. Das Schachkid denkt mit Bedauern daran, dass das noch nicht das Ende ist.

1996 reiste das Schachkid nach Franken zu einem Turnier und fand sich in einer anderen Schachwelt wieder. Hier gab es nur wenige Vereine in mittelgroßen Städten. Diese hatten aber eine beachtliche Größe. Als Bewohner Frankens musste man unter Umständen aber schon einmal 25 km zum nächsten Verein fahren. Hatte hier schon die Vereinskonzentration statt gefunden, die Thüringen gerade lief?

Eine ganz andere Kultur erlebte das Schachkid 1999/2000 in Bonn und später auch in Berlin. Hier gab es Betriebssportvereine, die sich jedoch auch betriebsfremden Mitgliedern offen zeigten. So spielte das Schachkid einige Monate bei der Betriebssportgemeinschaft des Deutschen Bundestages mit, der seinerzeit noch in Bonn saß. Einmal bekam das Schachkid eine Privatführung durch den Bundestag und nahm auf den Stuhl des Kanzlers Platz.

Die Kultur der Betriebssportvereine ist offensichtlich vornehmlich eine Erscheinung der alten Bundesländer. Aber das Schachkid hat auch hier den Eindruck, dass diese Vereine langsam überaltern und aussterben. Auch in der DDR schien es Betriebsschach gegeben zu haben. Die Betriebe machten dicht, die Vereine retten sich über die Wende. Manche, wie Gaselan Fürstenwalde, lösten sich auf. Andere wie der SV Briesen überlebten.

Geradezu eine apokalyptische Situation fand das Schachkid in Brandenburg vor, Hier gibt es Landkreise, wo nur einen oder gar keinen Schachverein gibt. Andererseits gibt es Neugründungen wie den SV Leegebruch, der in diesem Jahr 10-jähriges Jubiläum feiert.

Doch woran liegt es? Lässt die Gesellschaft, der Druck durch Job und Familie, kein Engagement im Verein mehr zu? Oder sind Vereine einfach out und haben sich überlebt? Selbst in seiner Heimat erlebte das Schachkid dramatisches.

Das Schachkid nutzte seinen Heimaturlaub, um bei seinem alten Schachverein vorbei zuschauen. Hier hatte das Schachkid anno 1991 begonnen, Schach  zu lernen.

Der Verein wurde 1904 gegründet und feierte heuer sein 110-jähriges Jubiläum. Der größte Sportverein in der Heimat des Schachkids deckt viele Sportarten ab, darunter neben dem sehr populären Judo auch Exotisches wie Orientierungslauf und eben Schach.

In den 90er Jahren hatte die Schachabteilung eine hohe Blüte erreicht, was nicht zuletzt Verdienst des Abteilungsleiters war. Dieser war viele Jahre als Lehrer tätig und hat viele Kinder und Jugendliche für Schach begeistert, u.a. auch das Schachkid. Seinerzeit hatte der Verein eine sehr starke Jugendabteilung und hohe Mitgliederanzahl. Heute hat der Verein noch beachtliche 30 Mitglieder.

Das Schachkid war erschüttert, als es nun auf seinen Verein und die laufende Diskussion traf. Der Schatzmeister ist 80 Jahre alt, der Vorsitzende 70 Jahre, beide gesundheitlich angeschlagen. An beiden Personen hängt jedoch die gesamte Vereinsarbeit. Beide wollen verständlicherweise ihre Ämter abgeben. Allein, es findet sich keiner, der es machen will.

Das ist umso unverständlicher, da der Verein über eine durchaus gesunde Mitgliederstruktur verfügt. Zwar fehlt es an Nachwuchs. Aber vor allem die Generation der 30-50-jährigen ist stark vertreten. Viele wohnen und arbeiten in der Umgebung. Nicht alle haben Familie. Beste Voraussetzungen, die Vorstandsarbeit auf breite Schultern zu verteilen. Allein es fehlt die Bereitschaft, ein Amt zu übernehmen oder gar Nachwuchsarbeit zu leisten.

Wie kann es soweit kommen? Über mehrere Jahrzehnte haben die gleichen Personen ehrenamtlich die Vorstandsarbeit geleistet und viel für den Schachverein getan. Haben Sie so gut gearbeitet, dass andere Vereinsmitglieder sich nicht berufen fühlten, mitzuarbeiten? Oder haben die handelnden Personen es versäumt, Arbeit abzugeben, die Arbeit in Teilaufgaben auf einen größeren Personenkreis zu verteilen? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Der Leser wird aber die Situation aus seinem eigenen Verein kennen. Oftmals hängt das Vereinsleben am Engagement einzelner Personen.

Das Schachkid sieht dies mit Trauer. Schließlich hat es bei seinem ehemaligen Verein das Schachspiel erlernt, hatte viele fröhliche Stunden und traf hier auch eine große Liebe. Aber das Schachkid prophezeit, dass es diesen Verein in zwei Jahren nicht mehr geben wird, wenn manche Vereinsmitglieder nicht bald aufwachen und etwas Biss und Engagement zeigen. Bei Einzelnen ist zu erkennen, dass sie wollen, aber sich nicht recht trauen, die Dinge beherzt in die Hand zu nehmen. Das Schachkid drückt die Daumen und wünscht sich inständig, dass sich seine Prophezeiung nicht erfüllt.

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