Der Skalp einer 2100

Zum Schluss nochmal ein schwerer Brocken, rein spielerisch versteht sich. Karsten Bertram aus Hagen mit einer stolzen 2125 Elo wollte besiegt werden. Das Schachkid machte sich wenig Hoffnungen, vielleicht ein Remis. Und das zu einer unchristlichen Uhrzeit, um 9.00 Uhr morgens.

O.B., nein nicht die bekannte Marke, forderte Aktivitäten und empfahl, taktisch klug Remis anzubieten. M.H. steuerte bei, dass der Gegner sehr arrogant sei. Womit sie recht behalten sollte.

Bertram kam zu spät und setzte sich erstmal ans falsche Brett. Was dem dortigen Gegner sichtlich missfiel. Am richtigen Brett angekommen legte er los, Hände geben war nicht. Es ging ja auch nur gegen eine 1600.

Das Schachkid findet es sehr ungezogen, wenn die Gegner durch die Gegend latschen, dann kommen, kurz gucken, im Stehen einen Zug machen und dann weiter latschen. Respektlos ist es auch, wenn man grundsätzlich in der Zeit des Gegners die Züge aufschreibt. Na ja, ist ja nur eine 1600, macht man mit links um.

Das Schachkid hatte sich vorbereitet und erwartete 1. e4. Bertram zog jedoch 1. d4. Nein, dachte das Schachkid, nur kein Königsindisch spielen. Paul Laubrock, gegen das Schachkid so jämmerlich eingegangen war, ist ein Vereinskamerad von Bertram. Letzterer hat sich bestimmt die Partie angeschaut. Also improvsiert das Schachkid was zusammen.

Schon wieder entwickelt sich des Schachkids Stellung so passiv. Aso erinnerte sich das Schachkid an O.B. und entfaltete Aktiviät mit 8. … Da5. Der Gegner denkt nach. 12. … Ld6, das Schachkid bietet Remis an. Bertram hält es nicht für nötig, eine Rückmeldung zu geben.

Gut, denkt das Schachkid, so sei es, und hat 10 Minuten später zwei Bauern mehr. Mit 14. .. e5 legt man los. 16. Sb5 sieht gut aus, es scheint ja nun einiges zu hängen und zu drohen, was mitnichten so ist. Also tauscht das Schachkid hat, muss erstmal 10 Minuten lang Luft holen, nachdem es die Bauern durchgezählt hat. Ok, also kein Remis, jetzt könnte man es ja auch gewinnen.

Der Plan heißt nun abtauschen, was auch sogleich gelingt. Mit den Bauern ist es derweil wie mit den Negerlein, sie fallen einer nach dem anderen. 26. … Txb2 ist kaum zu verhindern. Mit 32. … Le6 wird der nächste Bauer ins Visier genommen. Wo hat der eigentlich seine Elo her?

Bertram gibt nicht auf, eine 1600 mit vier Mehrbauern könnte ja noch einen Fehler machen. Na gut, holt sich das Schachkid mit 39. … Sxh5 einen fünften Mehrbauern. Schaden kann es ja nicht. Der Gegner versucht noch was. Das Schachkid sieht ein mögliches Matt. Also lieber gegensteuern. Aber vermutlich reicht es auch, einfach die Bauern laufen zu lassen.

Bertram ist fassungslos. Er verkündet gegenüber seinen Vereinskameraden, er könne sich nicht erinnern, je gegen eine 1600 verloren zu haben. Vermutlich kam er bereits als fertig gebaclene 2000 Elo aus dem Mutterbauch und hat noch im Kreissaal das Schachbrett ausgepackt. Dem Schachkid ist es ein Genuss, Bertram mittzuteilen, dass er nicht gegen eine 1600 verloren hat, sondern tatsächlich gegen eine 1500. Auch wenn dieses natürlich nur ein temporärer Zustand ist, hofft das Schachkid zumindest.

So, nun noch mit einem anderen Schachspieler ins U Fleku gehen. Der Mann ist Psychologe im Gefängnis, Berufe gibts. Das U Fleku soll ja die Kneipe sein, wo der typische Tscheche so hingeht. Das älteste Wirtshaus in Prag. Sagt man… Sieht aber eher nach Touristenattraktion aus. Rustikale Holzbänke, der Kellner stellt unaufgefordert Bier hin. Es folgt der nächste Kellner unaufgefordert mit Honigschnaps. Dies sei Medizin, so der Kellner…

Es folgt eine Bar an der Moldau, ein Nachtclub, … Prag hat echt viel zu bieten, definitiv mehr als Berlin.

Mit dem Open ist das Schachkid sehr zufrieden, Das Wetter ein Traum, die Stadt sowieso. Das Schachkid versteht nicht, wieso die ganzen Massen nach Pardubice fahren. Spielerisch wurde es Platz 29, das Schachkid war an 48 gesetzt. 14 Elo mehr und ca.60 DWZ mehr, passt schon. Regelmäßiges Training macht sich offensichtlich bezahlt. Das Schachkid kann das Prager Sommeropen rundum empfehlen.

1 Kommentar zu „Der Skalp einer 2100“

  • opa_mit_hut says:

    Das mit den „Stehzügen“ nervt mich auch, aber das Schreiben auf Gegnerzeit ist eigentlich üblich. Gibt sogar nen FIDE Paragraphen, der das explizit erlaubt (8.1.c)). Mach ich auch fast grundsätzlich so, vergesse allerdings dabei häufiger mal nen Halbzug – also kein wirklicher Zeitvorteil am Ende. :/

    Goldene Partie in der Goldenen Stadt – nach 15 Zügen steht man selten glatt auf Gewinn gegen solche Gegner. 😀

    Nach 4.f3 hätte mich mal interessiert, was er so auf 4….Sh5 oder 4….Db6 geplant hat. Im Grunde steht er da schon ein bisserl seltsam.
    (Db6 wäre meine Idee, da er mit dem schnellen Lf4 und f3 ja schon angedeutet hat, wohin die Reise gehen soll mit seinem König. Nach Db6 kann er die lange Rochade eigentlich vergessen, es sei denn, „du bist nicht Fischer genug“, den b2 zu vernaschen nach 5.Dd2 😉 )
    4….Lf5 ist aber auch natürlich und gut!

    9….0-0-0 gefällt mir irgendwie nicht, mit dem Lf4 der da so in die Königsstellung reinstrahlt. Hattest du evtl. auch 9….b5 in Erwägung gezogen? (Kleine „Taktikaufgabe“: Nach 9…b5 10.a3 e6 11.e4 kommt? Wenn du solche Stellungen in Ruhe und ausgiebig analysierst, kriegst du ganz schnell ein gutes Gespür für Initiative und das zitierte „aktive Spiel“ IMHO.)

    Nach 12….Ld6 hätte ich vielleicht auch kein Remis angenommen, in der Hoffnung, dass du nach 13.e4 dxe4 14.fxe4 irgendwelche Grütze spielst, aber 14….e5! ist natürlich stark! Da war er wohl so geschockt, dass er mit 15.Lg3?? gleich mal die Partie wegstellt! 😀

    Der krönende Abschluss wäre allerdings gewesen, wenn du nach seiner „Falle“ 48.Sc5 den den a-Bauern trotzdem verspeist! Hätte gern sein Gesicht gesehen, wenn er nach 48….Txa5 49.Sxe6+ fxe6 50.Txa5 zwar deinen Turm gewinnt, aber nach 50….g3 oder 50….h2 oder sogar (mit großem „Reinwürgfaktor“ :D) 50….b5 feststellen muss, dass er die Bauern niemals aufhält.
    (Die Variante 50….b5 51.Txa7+ Kb6 52.Th7 b4 53.Kxe6 b3 54.Kf5 b2 55.Kxg4 b1D 56.Txh3 De4+ 57.Kg5 Dg2+ 58.Kh4 Dxh3+ wäre doch hübsch gewesen. :D)

    Das wirkte alles in allem tatsächlich wie ein typisches Beispiel, was passieren kann, wenn man seinen Gegner nicht ernst nimmt.

    Haste feinemacht! Gibt nen Keks! (oder Käsekuchen 😉 )

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