Archiv für Januar 2017

Taktische Dramen in Friedrichshagen

Das Schachkid ist seit Oktober Mitglied bei den Queer-Springern und absolviert nun sein drittes Punktspiel. Bisher hat sich das Schachkid nicht mit Ruhm bekleckert, obwohl die Gegner wirklich schaffbar sind. Immer wieder sind es kleine taktische Fehler, die den Sieg verhindern.

In der Klasse 1.1 geht es heute gegen Friedrichshagen II. Das Schachkid muss erstmal gucken, wo das eigentlich ist. Berlin ist so groß. Auch wenn es eine Stadt ist, man kann trotzdem eine Stunde unterwegs sein. So auch heute. Das Schachkid macht sich auf den Weg ins urbane kleine Köpenick, eine eigene kleine Welt selbst in Berlin. Selbstverständlich schafft es das Schachkid, erneut zu spät zu kommen.

Man spielt in einen Stadtteilzentrum, wo viele Vereine ihren Sitz haben. Sowas gab es in Fürstenwalde oder Potsdam nicht. Die gegnerische Mannschaft ist sehr jung – alle irgenwo um die 18 Jahre alt und zwischen 1700 und 2000 DWZ angesiedelt.

Das Schachkid erwischt Killian Lischan. Der 18-jährige denkt in den ersten drei Zügen nach jeden Zug mehrere Minuten nach. Das Schachkid denkt sich, ob der wohl kein sizilianisch kennt? Später erklärt Killian, er mache das immer so, um für die Partie runter zu kommen. Eigentlich eine gute Methode. Wie oft ist man zu Beginn einer Partie extrem nervös und kann sich kaum konzentrieren und kommt nicht recht ins Spiel rein. Die killinansche Methode wird das Schachkid beim nächsten Spiel austesten.

Den sizilanischen Drachen konnte er dann doch ganz gut. Das Schachkid kontert mit dem Marotzy-Aufbau.

Dieser ist für Schwarz sehr unangenehm, wie Killian später meinte. Hat FM FM also recht gehabt. Die erste Entscheidung fällt im 15. Zug. Das Schachkid spielt 15. Sd5, das führt gleich zum Abtausch. Aber vielleicht gewinnt Weiiß mehr Raum. Vielleicht wäre 15 Sb4 besser gewesen, um auf einen Bauern oder den Sa5 zu spekulieren. Dieser wude von Schwarz eher suboptimal platziert. Se5 wäre richtig.

Schwarz knallt 16. … Lb2 aufs Brett. Schnell gepielt mit höhrbar erleichterten Schnaufen. Das Schachkid erschrickt sich furchtbar und fühlt sich wie gelähmt. Ist jetzt nicht der Sc2 weg? Nein, ist er nicht, das Schachkid ist trotzdem wie gelähmt und überlegt 30 Minuten lang.

Die Qualität ist wohl hin. Vielleicht kann nach den Abtausch des schwarzen schwarzfeldrigen Läufers ein Mattnetz am schwarzen Königsflügel gestrickt werden. Das Schachkid überlegt lange an Tb1 und sinniert, ob man den Sa5 nach Dxc2 bekommen könnte. Das einfach Txb2 geht und sich dann die weißen Schwerfiguren auf der zweiten Reihe gegenseitig decken, sieht das Schachkid nicht. Wieder mal ein Beweis für die Tatsache, das Schach eine psychische Sache ist und offensichtlich mehr Taktik trainiert werden muss.

Immerhin, die Mannschaft gewinnt mit 4,5:3,5 mit einem Brett weniger. Beate hat es erwischt, Gute Besserung an dieser Stelle. Das Schachkid pfeift sich bei Kaisers frustriert zwei Brötchen rein und fährt nach Moabit zu seinem Freund Harald Kaffee trinken.

Schachkid und Sergej in Schorfheide

Das Schachkid machte sich mit dem Sergej Karjakin aus Brandenburg, auch Dave Möwisch genannt, auf dem Weg zum Internationalen Schnellschachturnier nach Schorfheide. Dieses Turnier gibt es seit mehreren Jahren. Das Schachkid hatte aber nach dem Lesen der Ausschreibung immer geglaubt, das Turnier sei nur für Kinder.

Sergej mißtraut den Navigationskünsten des Schachkids und hatte am Vortag noch verkündet, auf die Karte zu schauen. Anscheinend war er aber vom Briesener Blitzturnier am Vorabend zu müde gewesen und hat es nicht getan. Bei selbigen Turnier hatte das Schachkid unerklärlicherweise gegen die Brandenburger Sergej-Immitiation verloren. Auf Zeit, mit 2 Sekunden Rückstand. Berlin ist eine Stadt der vielen Gesichter. Die hektische Großstadt wechselt urplötzlich zur urbanen Dörflickeit. Man fährt über obskure Nebenstraßen in Pankow.

Die Grundschule in Schorfheide ist riesig, und gefüllt mit vielen Kindern. Das Schachkid gelangt nach diesem Turnier voller Dankbarkeit zur Erkenntnis, dass es eine gute Entscheidung war, den Lehrerberuf nicht zu ergreifen. Das Schachturnier ist eher bi- denn international. Viele polnissche Spieler sind da und immerhin ein englisch sprechendes Kind. Das Turnier wird tatsächlich für die Schnellschach-Elo ausgewertet. Das hat wohl den waschechten Fidemeister aus Hamburg motiviert, extra in die Schorfheide zu fahren. Das Preisgeld oder spielerische Herausforderungen können es nicht gewesen sein.

1. Runde – der Turnierleiter schmeißt alle Besucher und mitschreibenden und mitfilmenden Eltern aus dem Raum. Das Schachkid klatscht innerlich laut Applaus, Mitleid mit filmenden Vätern hat das Schachkid nur begrenzt. Wobei an dieser Stelle das Schachkid auch die Frage stellen muss, ob man einen ohnehin schon etwas rundllichen Kind bei jedem Schachturnier Pizza verabreichen muss.

Freya Müller heißt die erste Gegnerin. Diese hat zwar nur 1000 DWZ, sieht sich aber trotzdem genötigt, dem Schachkid gleich im vierten Zug einen Bauern abzunehmen, der unverteidigt herum stand. Den holt sich das Schachkid zwar irgendwann wieder, übersieht dann aber gleich eine Möglichkeit, das Mädel einzügig mattzusetzen. Das Schachkid gewinnt. Das muss mit der Konzentration aber besser werden. Segej macht es auch nicht besser und hat, trotz siegreicher Partie, auch Bauern stehen lassen.

Die Schule liegt direkt neben einem Friedhof, wie das Schachkid beim Hinausschauen aus dem Klassenzimmer feststellt. Das ist vorrausschauende Bauweise. Da sieht das Schulkind in der Schule gleich die Zukunft. Wo es begann, wird es eben auch enden, geographisch gesehen.

Zweite Runde. Sergej muss gegen den FM ran und will diesen zeigen, was ein Karjakin ist. Der FM ist unbeeindruckt und gewinnt. Das Schachkid denkt an das Buch Tschick, als es den Sergej sieht. Der FM hat auch einen Junior mit. Der muss aber spielerisch noch reifen.

Das Schachkid spielt gegen Stefan Sprutta Remis. Trotz Mehrbaurn dank Einschlag auf h7 ist das Turmendspiel nicht zu gewinnen. Weiter hinten entlädt sich ein Wutschrei eines Erwachsenen, der gerade gegen einen 8-jährigen verliert.

Zwei Jungen nutzen die Pause, um sich darüber aufzuregen, dass die Männertoilette im Ergeschoss und die Mädchentoilette in der ersten Etage bei den Turnierräumen sei. Da hätten die Mädchen ja einen Vorteil, wenn man immer runter müsse. Tja… Auf der Treppe fragt derweil ein Kind seinen Freund: „Bleibst Du auch zur Siegerverehrung?“

Dritte Runde. Dave verteilt Kaffee auf seinen Tisch. Leicht tänzelnd erhebt er sich, wischt elegant auf und schwebt leichtfüßig zum Papierkorb. Das Schachkid bewundert die Eleganz dieses Denkers, der so romantische Orte wie das poetische Reitwein kennt. Danach holt er sich doch wirlich den Punkt. Das Schachkid auch gegen Gerd Wanka. Am vorletzten Brett wird der wutschnaubende Erwachsene aus der Vorrunde von einem 6-jährigen belehrt, dass man eine berührte Figur auch ziehen müsse.

4. Runde – Dave verliert, das Schachkid zögert nicht und lässt nicht nur aus reiner Solidarität die Dame stehen. Dave, studierter Psychologe der es wissen muss, stellt fest, das das Schachkid grundsätzlich über andere Leute lästert, wenn es verliert.

Roy Milke ist sauer, als er in der 5. Runde gegen das Schachkid verliert. Eine taktisch sehr interessante Partie, in dem Roy ein Dauerschach drinnen hat, aber die Konfrontation sucht. Das geht nach hinten los. Schach ist, das kann man immer wieder erfreulicherweise feststellen, ein emotionales Spiel. Dave gewinnt schon wieder. Der Mann wird dem Schachkid unheimlich.Des Schachkids Auto freikehren vom Schnee, der gefallen ist, will er merkwürdigerweise nicht.

6. Runde – das Schachkid muss gegen den pensionierten Lehrer Fitzke ran und schafft nur ein Remis. Lehrer Fitzke verspricht dem Schachkid seit 5 Jahren, das Briesener Open zu besuchen, findet aber immer wieder neue schöne Turniere im Ausland und erscheint nicht in Briesen. Dave spielt irgendwas, das Schachkid hat es sich nicht aufgeschrieben. Er muss gewonnen haben, denn er spielt in der nächsten Runde doch tatsächlich vor dem Schachkid.

Killermaschine Manfred wartet auf den Karjakin aus dem Oderbruch. Da wird es schwierig für den Herausforderer. Des Schachkids Gegner Kevin Groß spielt Dh4 in der schottischen Eröffnung. Die Variante hat das Schachkid mal gelernt. Nach 10 Zügen ist die Partie gewonnen gegen den symphatischen Gegner.

Am Ende laufen die Partien der anderen Spieler ideal. Das Schachkid wird mit 5 aus 7 etwas unverhofft Dritter. Mit deutlichen Abstand mit 6,5 aus 7 Punkten gewinnt der FM das Turnier gefolgt von Manfred Lennhardt aus Berlin mit gleicher Punktzahl und leicht schlechterer Buchholz.

Ein großes Schachevent in dem kleinen Dorf Schorfheide, das man sicher mal besuchen kann. Die Organisatoren geben sich viel Mühe, ein Turnier mit um die 80 Teilnehmer, darunter viele Kinder, auf die Beine zu stellen. Chapeau!

26. Erfurter Schachfestival – 360 Tage warten

Nachdem am Vortag nichts lief, kann es heute ja nur besser werden. Ein Kampfkind wartet. Vorher gilt es aus dem Zimmer auszuschecken. Was nicht ganz einfach ist, da das alle machen wollen. Und alle vor den Fahrstühlen stehen. Lange, sehr lange…. Es scheint nur ein Aufzug zu fahren, zwei scheinen kaputt und stecken geblieben  zu sein. Tage später wird das Schachkid feststellen, dass es noch seine Zimmerkarte hat. Diese wird das Schachkid, wenn es kommenden Sonntag im Turnierhotel nächtigt, gleich zurück geben.

Der kleine Ben hat ebenfalls starke 3,5 aus 7. Und die hatte er gegen beachtliche, da stärkere Gegner geholt. Das Schachkid konnte also nicht auf einen schnellen Sieg hoffen. Im Gegenteil, eher auf eine schwere Partie. Und so kam es denn auch. Die Eröffnung war kein Problem, Ben kannte sich aus. Insgesamt dachte der Kleine bei jeden Zug gründlich nach. Was das Schachkid daran merkte, dass der Kleine jeden taktischen Kniff im Ansatz verhinderte. Letzlich gelang ein solcher doch mit mit 24. Lh4. Aber danach dauerte es eine ganze Weile, bis der Punkt eingefahren war. Das war ein talentierter 10-jähriger, von dem man sicher noch hören wird.

Kein Jahr ohne Hugendubel. Der ist in Erfurt direkt am Anger und hat drei Etagen. Es ist wunderbar entspannend, in einem Buchladen zu gehen und dorgt zu stöbern.  Das Drama ist dabei, die großen Buchketten haben eine riesige Auswahl, machen aber die kleinen Einzelläden damit kaputt. Spezialisierung scheint das Geheimrezept zu sein. In Schmalkalden gibt es die wunderbare Buchhandlung Lesezeichen. In Berlin gibt es einige Krimibuchhandlungen, z.B. Miss Marple oder den wunderbaren Laden Prinz Eisenherz.

Die Siegerehrung naht. Selten sieht man so eine schicke Schiedsrichterriege wie hier. Im schicken Zwirn stehen sie neben der Bühne aufgereiht. Das Schachopen war dieses Jahr nicht mit ganz so vielen Titelträgern besetzt, dafür wirkt es internationaler. Es gewinnt tatsächlich ein Däne, der IM Jens Ove Friese-Nielsen.

Zusammenfassend war es ein schönes Open. Spielerisch ist das Schachkid leicht unzufrieden. Es lief nicht so schlecht mit 4,5 Puntken aus 8 Partien, aber auch nicht überragend. Das Hotel hatte seine üblichen Schwächen, lahme Bar und Fahrstühle, auf die man ewig warten musste. Insgesamt bietet das Hotel jedoch hervorragende Spielbedingungen.   Von Daniel Wanzek und seinem Team wurde das 26. Erfurter Schachfestival hervorragend organisiert und geräuchlos durchgeführt. Nun heißt es leider wieder 360 Tage warten bis zum nächsten Jahr…