Archiv für August 2015

Touristennepp und Gourmets am Schachbrett in Prag

Das Schachkid fährt Abends mit dem Taxi aus der Bar zum Hotel zurück und stellt fest, am ersten Abend ist es wohl über den Tisch gezogen worden. Die erste Taxifahrt am Anreisetag war viel teurer als diese hier, exorbitant teurer. Na ja, gehört wohl zum Urlaub dazu.

Der Montag bringt zwei Runden. Vorrausgesetzt, man gelangt überhaupt ans Brett. Das Hotel hat 17 Etagen und drei lahme Fahrstühle. Wovon einer kaputt ist. Man wartet 15 Minuten, bis man vorwärts kommt. Zeit, sich sportlich zu betätigen. Das Schachkid läuft 9 Etagen.

Es verspricht mit Pavel Rimovsky, ein netter Senior mit 1276 Elo, eine nette schnelle Partie zu werden. Gedacht, getan, verloren. Das Schachkid spielt den Königsinder passiv und denkt sich, bei so einer Spielstärke kommt ein taktischer Schnitzer. Der nicht kam. Im Gegenteil spielt der Tscheche ganz sauber. Das Schachkid muss seine schwachen Bauern hüten und kann sich in der Endstellung gar nicht mehr bewegen. Der Senior tröstet nach der Runde das Schachkid mit den Worten, er habe 1750 nationale Wertzahl. Na toll, die niedrige Elo wird für die Auswertung genutzt.

Die Runde fand unter erschwerten Umständen statt. Zwei Spieler, die um das Schachkid herum saßen, waren offensichtlich Umweltschützer und auf sparsamen Wasserumgang bedacht. Es muffte entsprechend. Ah, ihr süßen Körperdüfte…

In der zweiten Runde ging es gegen Karel Tomasek vom Prager Schachclub. Vom Brett aus glaubt das Schachkid, seinen Augen nicht zu trauen. Steht doch da der Bundesbernd (=Bundesnachwuchstrainer). Selbiger hat diesen Spitznamen einstmals in Breitungen vom bärtigen Giftzwerg erhalten.

Was denn der Bundesbernd hier mache, begehrte das Schachkid zu wissen, Er betreue Vincent Keymer. Wen? Dies sei die größte deutsche Nachwuchshoffnung und habe schon groß in der Presse gestanden. Tatsächlich, der Kleine (11 Jahre?) hat schon 2342 Elo. Da ist das Schachkid wohl nicht auf dem Laufenden.

Überhaupt ist beeindruckend, welch starker Nachwuchs aus aller Welt hier mitspielt. Niedlich ist eine starke Gruppe mongolischer Kinder. Alle haben sie unaussprechliche Namen. Machen aber alles nieder, was ihnen vor die Flinte kommt. Das Schachkid wusste bisher nicht, dass die Mongolei eine Schachnation ist.

Zurück zur Partie gegen den symphatischen Tschechen. Das Schachkid ist diesmal sehr erfreut, nicht nur gegen kleine Mädchen zu spielen. Der Najdorf läuft etwas komisch. 6. … g6 ist wohl nicht der Standard. 10. f4 hat das Schachkid auch immer gespielt und ist damit meistens auf die Nase gefallen. 12. … Lxd4 geht eigentlich nicht, weil Schwarz den Bauern wieder gewinnt. Dxd4 muss es sein. Der feine Unterschied ist, dass nach Lxe7, Te8 der Läufer auf e2 hängt. Der Gegner sieht es nicht. Es gehen einige Bauern beim Gegner verloren. Mit 2 aus 3 ist das Schachkid zufrieden, wobei die Punkte bei der Gegnerstärke Pflicht waren.

Nerviges am Nachbarbrett. Der Tscheche dort baut ein Buffet auf. Aus der Brotbüchse steigt, neben den Weintrauben, der edle Geruch von Camenbert in die Höhe. Draußen sind es 40 Grad. Vom Marsriegel wird alle 20 Minuten ein Stück abgebissen. Nach drei Stunden ist der Riegel geschafft, man steigt nun auf ein Corny um. Dazu packt der Tscheche drei Getränke auf den Tisch und fängt tatsächlich an, sich ein Getränk zu mixen. Das Schachkid ist genervt, der Gegner des Gourmet die Ruhe selbst.

The ChessWorld

Mit The ChessWorld hat das Schachkid eine interessante Seite gefunden. IM Renier Castellanos betreibt die Seite. Der geneigte Leser kann private Trainingsstunden buchen.

Aber auch so findet der interessierte Schachfreund jede Menge Artikel und Aufgaben aus der Welt des Schachs. Klassische Themen wie die Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel finden sich genauso wie Tipps zur Gesundheit oder Skurriles rund ums Schach. Die Seite ist komplett in Englisch gehalten. Mit Schulenglisch sollte das aber kein Problem sein.

Der Leser kann zunächst diverse Tests machen, um seine Fähigkeiten in der Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel zu testen. IM Castellanos empfiehlt anschließend einen Kurs, mit dem man innerhalb von 21 Tagen sein Schach wesentlich verbessern soll.

Das Schachkid ist bei derartigen Versprechen immer sehr vorsichtig. Aber vielleicht mag es ja einer ausprobieren und hier berichten.Für 69 $ ist man dabei.

Prag – Klischees allerorten

Was haben die Tschechen nur mit ihren Hotels. Wie in Pardubice, 4 Sterne für 48,- € die Nacht, WLAN kostet einen Euro extra, ist dafür aber superschnell. Auch dies ist ein ehemaliges Interhotel, 17 Etagen hoch, furchbar enge Zimmer, Möbel na ja… Das Bad hat keine Tür, sondern eine Art zweiflügelige Schranktür. Sozusagen ein begehbarer Kleiderschrank, in dem ein Bad eingebaut ist.

Das Frühstück ist bescheiden. Immerhin, das Zimmer wartet mit einer Klimaanlage auf, die bei 40 Grad Außentemperatur erfreulich gut kühlt.

Das Schachkid bleibt erstmal im Zimmer und macht sich später auf in die Stadt. Da das Schachkid zum dritten Mal in Prag ist, kennt es sich gut aus. Der Metroautomat nimmt keine Scheine, wird eben schwarz gefahren. Wer die U-Bahn in Berlin kennt, wundert sich in Prag. Rolltreppen tragen einen in wahnwitziger Geschwindigkeit in 70 m Tiefe. Nix für schwache Nerven.

Der Wenzelsplatz ist mitterlerweile für Autos gesperrt. An allen Ecken und Enden wird saniert. Kaum zu glauben, dass dies hier mal sozialistischer Mief war. Berlin sieht heute an vielen Ecken und Enden noch übler aus.

Prag ist berühmt für seine Kaffeehäuser. Das Schachkid probiert das orientalische Kaffeehaus aus. Drumherum keine Tschechen, nur Klischees. Am Nebentisch sitzen zwei junge hübsche Japanerinnen. Kameras sind obligatorisch, Strohschirm auch – und beide tippen nur auf den Handys rum.

Ein Tisch weiter, vier junge Franzosen – gerade 20 Jahre alt. Trinken natürlich Wein und unterhalten sich zivilisiert in ihrer wunderschönen Sprache.

Noch ein Tisch weiter. Drei deutsche, Bayern augenscheinlich. Bier trinkend, rauchend und ziemlich laut. Die Welt ist ein Dorf.

Heute ist die 2. Runde vom Prager Sommeropen. Mehr als 200 Spieler nehmen teil. Das Schachkid spielt sein erstes Spiel. Auch hier ein Feeling von Pardubice. Lauter bekannte Gesichter. Ein Großteil der Spieler ist offensichtlich gleich von Pardubice nach Prag gezogen. GM Teske ist auch da und ist Favorit. Das Schachkid entdeckt sogar ein kleines Mädchen, gegen das es in Pardubice spielen musste.

Diesmal keine kleinen Mädchen, sondern mit Josef Bara ein 43-jähriger Tscheche. Das Schachkid erschrickt sich. Hoffentlich sieht es nicht selbst mit 42 Jahren so alt aus. Das Schachkid beschließt umgehend, einen Abnehmkurs zu machen.

Französisch kommt aufs Brett. Das Schachkid kann sich wieder nicht an die Variante vom Trainer erinnern, die Tarrasch-Vaiante. Das Schachkid wählt daher die Abtauschvariante. Es sieht schon bald komisch aus, besonders unangenehm ist der schwarze Lg4. Mit 14. … c6 unterläuft Schwarz ein Schnitzer. Weiß gewinnt einen Bauern.

Der Plan für die Partie ist nun klar. Figuren abtauschen. Den eigenen schlechten Läufer möglichst gegen den schwarzen Springer tauschen. Dann einen Bauer am Damenflügel durchbringen. Schwarz macht auch alles mit. Nach 70 Minuten ist der Punkt eingefahren. Mission 40 Punkte zurück holen ist erfolgreich gestartet.

Schachkid durch Geiselnahme ausgebremst

Mittlerweile spielt das Schachkid Schachopen im Wochentakt. Was soll man auch sonst anderes machen. Außer feiern natürlich, aber das geht ja auch während eines Schachopens. wie das Schachkid in Pardubice festgestellt hat. Hier hatte das Schachkid zwar eine Menge Spaß, schachlich aber auch totale Grütze gespielt und 55 Punkte verloren.

Daher hat sich das Schachkid kurzentschlossen nach Prag aufgemacht, um die Schande von Pardubice zu tilgen. 40 Punkte DWZ wollen mindestens zurück gewonnen werden.

Das B-Open ist ordentlich besetzt, das A-Open sowieso. Die erste Runde am Freitag hat das Schachkid schon geschmissen. Da das Schachkid (noch) nicht vom Schach lebt, muss es auch ab und an mal arbeiten. Schachopen sind schließlich nicht ganz billig. Also steigt das Schachkid erst zur zweiten Runde ein. Na ja, war eh ein starker Gegner in der 1. Runde.

Die Anreise nach Prag erfolgt, der Tradition folgend, chaotisch. Wobei das Schachkid wirklich nix dafür kann. Das Emailpostfach meldet sich. Der Regio kommt 15 Minuten später, der Anschluss in Berlin würde nicht mehr geschafft. Das Schachkid hat noch keinen Koffer gepackt, tut das nun innerhalb von 10 Minuten und telefoniert auch noch ein Taxi zum Fürstenwalder Bahnhof herbei. Um einen Zug eher zu nehmen.

Am Bahnhof angekommen steht da schon der Regio. Komisch, der sollte erst in 10 Minuten kommen. Ahh, es ist der vorherige Regio. Ein Polizeieinsatz auf der Strecke. Egal, der Regio fährt los. Im selbigen trifft das Schachkid noch einen jungen Kollegen. Gemeinsam hofft man das beste – zumindest bis Erkner. Dort endet der Regio.

Die S-Bahn fährt auch nur zwei Stationen. Das Schachkid, ganz der erfahrene Krisenmanager, schnappt sich den Kollegen und zerrt ihn zum Taxistand. Guter Plan, der am akuten Taximangel scheitert. Was ist das nur für ein Bahnhof, wo keine Taxe steht. Am Taxistand lernt man eine attraktive junge Dame kennen, die auch nach Berlin will. Kurzentschlossen bildet man eine Gruppe und läuft zur S-Bahn. Parallel telefoniert die Schönheit die Erkner Taxiunternehmen ab und gabelt tatsächlich eine Taxe auf.

Also zurück zum Taxistand. Gemeinsam besteigt man das Taxi. Die Fahrerin ist eine Frau. Ein Taxi, zwei Frauen und zwei Männer. Auf der Fahrt nach Berlin erörtert man die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Den Damen mißfällt eine Plakatwerbung für Bier. Häßliches Bier, hübsche Schuhe der werbenden Frau. Die Männer sind anderer Meinung.

Am Bahnhof angekommen eilt das Schachkid zum Bahnsteig – der Zug fährt gerade los. Deja vu – gleicher Zug, gleicher Bahnsteig, nur Freitag vor zwei Wochen. Gleiches Szenario, der Regio fährt verspätet, der Zug nach Pardubice dem Schachkid vor der Nase weg.

Also auf ins Reisezentrum, nun zum dritten Mal in zwei Wochen. Unfreundliche Bahnerinnen, genervte Kunden – das Schachkid steigt wohl bald wieder aufs Auto um. Das Schachkid nimmt den Nachtzug mit freundlichen, aber leicht verpeilten Schaffnern und edlen Schlafwagen.

Im Zug liest das Schachkid, dass eine Geiselnahme Schuld ist. Muss der gerade heute in Köpenick auf ein Dach klettern, um dort Leute zu bedrohen? Dem Schachkid, um Mitternacht in Prag angekommen, steigt in ein verbeultes Taxi und rauscht von dannen. Das Taxi wäre in Deutschland durch keinen TÜV gekommen, verbeulte Türen, wacklige Sitze, die Frontscheibe droht aus der Halteung zu fallen. Aber nachts sind alle Katzen grau, also egal…

Eröffnungstraining, aber wie?

Das Schachkid hadert mit seinen Eröffnungen. Es hat nun ein ausgearbeitetes Repertoire. Aber wie soll das Schachkid das alles lernen?

Der Trainer hatte zunächst stoisches Auswendiglernen vorgeschlagen und empfahl den Chess Position Trainer. Damit hat das Schachkid viele Stunden geübt. Aber so richtig gebracht hat es nix.

Das Schachkid kennt nicht die typischen Pläne in der Eröffnung. Also wird es sich belesen müssen oder sich jemanden suchen, der es dem Schachkid erklärt.

Vielleicht sind ja Blitzpartien das Mittel der Wahl? Man könnte täglich zwei Blitzpartien, eine mit Weiß und Eine mit Schwarz, spielen. Danach könnte man sich die Partien angucken und die Eröffnung analyiseren.

Eine Blitzpartie ist schnell gespielt. Und durch das tägliche Beschäftigen mit dem Thema Eröffnungen bekommt man eine gewisse Routine. Nützt aber auch nix, wenn man die Pläne nicht kennt.

Leser mit Tipps zum Eröffnungstraining mögen sich bitte beim Schachkid melden. Der Kontakt steht im Impressum.

Qou Vadis Pardubice?

text folgt

Die Schande von Pardubice

Text folgt